quelle: faz 13. 1. 1985 von frowine leyh. reprint in fortbewegung 2001, knaur-verlag 1987


der milan saß auf einem pfosten der einzäunung. er hielt den kopf schräg. es sah aus, als beobachtete er das verkehrsaufkommen. viel war nicht zu sehen. nur wenige autos im langsamen tempo fuhren auf der autobahn hannover richtung hamburg. seit der letzten benzinpreiserhöhung hatte die verkehrsdichte merkbar nachgelassen. der benzinpreis war vor ankunft des autofahrers an der nächsten tankstelle um das dreifache gestiegen. dieser inflation durch schnelles fahren zuvorzukommen war nicht möglich, weil es - wie ein spaßvogel bemerkte - das gesetz zur erhaltung der energie gab.

der ausbau der bundesautobahnen war 1991 beendet worden. die nord-süd-achsen waren jeweils dreispurig ausgebaut. jeweilige anschlußstrecken und weiterführende autobahnen waren noch dreispurig geplant. nun hielt man die zweispurige lösung für überflüssig, baute sie aber aus politischem zwang fertig. zunächst selten, dann immer öfter sah man zweiräder mit hilfsmotoren, zuerst auf kürzeren verbindungsstrecken wie tübingen-ludwigsburg, später, als von den behörden keine einwände kamen, machten sich auch leute mit fahrrädern auf den autobahnen breit. 1998 rollten 85% des verkehrs in der nordischen tiefebene auf diese weise.

eines tages, das genaue datum konnte nie mehr ermittelt werden, waren die ersten rollschuhläufer zum wochenende von hamburg nach travemünde unterwegs. Über das ereignis wurde im fernsehen und kabelfernsehen, in rundfunk und presse ausführlich berichtet. das pro und contra war dann von der allparteienregierung liberal abgewogen und die autobahn für den allgemeinen verkehr freigegeben worden. nicht für fußgänger, darüber gab es eine gesetzesvorlage, die in erster lesung einstimmig angenommen wurde. aber jeder, der irgendwelche räder unter den füßen hatte, von skateboard bis zum eselskarren, konnte autobahnen benutzen.

geschwindigkeitsbeschränkungen waren nicht mehr vorgeschrieben. zunächst an den geraden tagen des monats, später auch an den ungeraden tagen, als der kraftwagenverkehr im verhältnis 1:100 000 abnahm, beschränkte man sich darauf, signale zu senden. achtung! auto auf strecke dortmund in richtung köln unterwegs! der autofahrer mußte 48 stunden vor antritt seiner fahrt auf dem amt für öffentliche ordnung seine fahrt anmelden und dabei die genaue abfahrtszeit und vermutete ankunftszeit angeben. später wurde die benzinabgabe von dieser meldung abhängig gemacht.

schließlich, am 17. juli 2067, fuhr das letzte auto von bonn nach köln am rhein. tausende skateboardfahrer, rollschüler, tandemleute und radler säumten die fahrbahn. auf dem mittelstreifen standen würstchenbuden, eisverkäufer, obst- und blumenstände. der fahrer in einem grauen mercedes-cabriolet fuhr, den blick fest auf die straße gerichtet, tempo 8km/h. in seiner haltung lagen gleichzeitig würde und trauer. wo er vorüberkam verstummte einen flüchtigen augenblick lang die menge, ein zeitalter ging zu ende. in der tagesschau wurde der letzte autofahrer interviewt. nach seine gefühlen befragt, antwortete er: "es war ein ergreifendes erlebnis." was seine nächsten pläne seien? er sei jetzt reif für einen mehrwöchigen erholungsurlaub im "kurzentrum frankfurter kreuz".

der name war symptomatisch gewesen für verkehrschaos, unfallmassierung und stauung - hier war jetzt ein vorbildliches kurzentrum entstanden. zierliche gartenanlagen schmückten den mittelstreifen der autobahn. maiglöckchen und jasmin blühten im frühling. schwere japanische fliederdolden und tausende von edelrosen füllten die luft mit wohlgeruch und süßem duft. der geruch der linden war in den nächten des frühen juni betäubend. die nachtigallen schlugen unaufhörlich, das leise plätschern zahlloser brunnen wunde nur vom zirpen der grillen unterbrochen, die die stille hörbar machten. duft, zauber und romantik dieser nächte am frankfurter kreuz schlugen die jugend besonders in ihren bann. die diskotheken leerten sich. das mittsommernachtsfest war in ganz deutschland berühmt, nicht weniger als die wahl der miss maiglöckchen. man wallfahrte dort hin mit leiterwagen, eselskarren, rikschas. dei frankfurter hauptbahnhof-türken waren die ersten, die diese art der beförderung auf den bundesdeutschen autobahnen eingeführt hatten - der dreh war, daß die rikscha-zieher mit rollschuhen arbeiteten (lt. gesetzt vom 19. juni 1955 §44 abs 1-3, war das betreten der autobahn verboten). die rikscha-beförderung blieb das privileg der türken und jugoslawen. die italiener waren sämtlich mit dem schrei fiat, fiat! nach hause zurückgekehrt.

der vorschlag der allparteienregierung, die autobahn "der natur zurückzugeben" - wie die formulierung nach monatelanger beratung hieß - wurde empört, entsetzt und mit der nicht zu überhörenden drohung, zum dreiparteiensystem zurückzukehren, beantwortet. das volk liebte und wollte, und das volk behielt seine autobahnen. die tankstellen wurden zu gaststätten, die schilder "hier können familien kaffee kochen" trugen gelb-rote, blau-weiße farben neben den autobahnraststätten, die sich in schnellem tempo vergrößerten, waren zeltstationen, ähnlich arabischen karawansereien, entstanden. rollschuh-reparatur-werkstätten schossen aus dem boden und der fahrradverleih erzielte hohe einnahmen. die bundesbahn, die nun mit Überschüssen arbeitete, übernahm die erhaltungskosten für den straßenbelag; denn die pflege des asphaltes war notwendiger als je zuvor.

auf dem verbreiterten mittelstreifen der strecke thishope-garsdorf-brunautal fanden die jährlichen pferderennen um das grüne band der bundesrepublik deutschland statt. auf dem grünstreifen der autobahn düsseldorf-leverkusen sahen jedes wochenende tausende die berühmten trabrennen. die gewinne der totalisatoren erreichten millionenhöhe. einige englische touristen hatten wöchentliche hunderennen eingeführt. daß ascot zwischen hamburg und harburg ausgerichtet werden sollte, erwies sich jedoch als gerücht. die autogrünbahnwelle war nicht mehr zu stoppen, als ein verzweifeltes vorstandsmitglied der bayrischen motorenwerke das autobahn-surfen erfand. aus einem 1,2m langen brett war ein kleiner segelmast errichtet. das segel war in charakteristischem, weiß-blauem schrägfeld gehalten und das brett selbst auf vier räder montiert. ein neuer sport war geboren und fand vor allem auf der rhönlinie zwischen hattenbacher dreieck und würzburg großen zulauf.

an den "tankstellen" etwas tanken geriet allmählich in vergessenheit - es sei denn, man meint luft tanken. der name war aus tradition beibehalten worden - sie waren riesen-sportunternehmen geworden. die erste langlaufloipe wurde vom maschener dreieck nach hannover gespurt. sie wurde weltberühmt. im jahre 2109 wurde davon gesprochen, den wasalauf dort abzuhalten. herrlichen schlittenbahnen und "schleifetze" - so nennen die schwaben die rutschbahn - entstanden. das früher so gefürchtete glatteis wurde nun sorgfältig eingeplant und seine herstellung überwacht. die längste rutschbahn war über 21km lang und hatte ein gefälle von 14%. sie führte in ganzer länge ins werratal. wer einmal im langlauf von kiel ins dachauer moor unterwegs gewesen war, gute schneeverhältnisse vorausgesetzt, eine tour von zweieinhalb monaten, erzählte noch seinen enkeln davon. die karawansereien an den autobahnraststätten trugen dazu bei, die bevölkerungsziffer rasch ansteigen zu lassen. jung und alt lebte mit und für die autogrünbahn. die interessen der altersgruppen unterschieden sich nicht mehr voneinander. Über generationsprobleme mußte also nicht mehr gesprochen werden.

nun war man dazu übergegangen, das anliegergelände der autobahn in siener ganzen ausdehnung zu parzellieren. jeder bürger konnte zum niedrigpreis sein autobahnhüttchen mit angrenzenden 6ha land erwerben. das senkte die baukosten drastisch und die grundstückspreise fielen, bis sie sich mach dem gesetz der freien marktwirtschaft auf ein mittleres niveau einpendelten. jedermann konnte sich ein hübsches einfamilienhaus leisten. der früher "garage" genannte raum war voller rollschuhe, fahrräder, ski, skateboards und deichselwagen. die pferdezucht nahm einen ungeheuren aufschwung und die hannoveranischen pferdezüchter wurden schwerreich.

und die industrie? 1980 wurde der zusammenbruch der autoindustrie mit dem zusammenbrechen der deutschen wirtschaft gleichgesetzt. davon war jetzt keine rede mehr. es war zu einer umschichtung gekommen. die hausse in der textilindustrie begann mit der herstellung von trikotleibchen, die sportschuhhersteller folgten, dann die mützenfabrikanten, übertroffen wurde das alles von der fahrradindustrie. ein ganzer modezweig beschäftigte sich mit der kleidung der rikscha-benutzer unter besonderer berücksichtigung der jahreszeit. unmittelbar folgte die umstellung des reisegepäcks, andere formate, neue zweckmäßige koffer, und mantelsäcke wurden angeboten. halbautomatische handwerkszeuge zur bebauung der riesengrün- und nutzflächen konnten entwickelt werden. klavierbauer, geigenbauer hatten wieder zu tun, alte vergangene handwerkskunst entstand neu. vergessene berufe wie deichsler, wagner, gürtler kerzenzieher und spinner wurden neu belebt. arbeitslosigkeit kannte nahm nicht einmal dem namen nach. die hektischen wochenendausflüge unterblieben, die menschen hatten mehr zeit. sie fingen an zu lesen, eine beschäftigung, die fast ausgestorben schien. kammermusikzirkel erfreuten sich zunehmender beliebtheit. vergessene schriftsteller wurden nicht nur neu entdeckt, sondern in liebhabertheatern, vor allem auf freilichtbühnen, wieder aufgeführt.

plante man einen besuch bei freunden oder verwandten, so hatte man unterwegs viel zeit, mit aggressionen und Ärger fertig zu werden, seine haltung zu überdenken, daß man ausgeruht, freundlich und erfüllt von nächstenliebe bei diesen ankam. kurz, die sitten änderten sich allgemein, ein liebenswürdiges, liebenswertes gesundes wohlhabendes und kultiviertes volk entstand neu im herzen von europa. die Übrige welt sah mit staunen, was sich zwischen rhein und elbe, zwischen nord- ost- und bodensee abspielte. zuerst kamen sie aus neugier, dann zum vergnügen und schließlich empfanden sie ruhe und stille der natur als wohltuend. deutschland wurde eine oase, die grüne lunge europas, angesehen, deren erhaltung lebensnotwendig für die anliegerstaaten war. dank der sauberen luft und dem hohen sauerstoffgehalt der atmosphäre war das klima in ganz europa merklich gebessert. trockene kalte winter und sonnig warme sommer mit erfrischenden winden waren nicht nur ausnahmen, sondern regel. asthmakranke aus aller welt suchten erleichterung in der kurklinik am frankfurter kreuz in der staubfreien luft an rhein, main und ruhr.

riesenherden schwarzbunter kühe weideten zwischen wilhelmshaven, oldenburg und bremen. sie erregten den neid jedes texanischen rinderzüchters. ihr fleisch kam dem der berühmten japanischen mastochsen gleich. in den trinkwassersauberen flüssen uns seen wimmelte es von fischen. es gab fangprämien für hechte und karpfen, und nicht nur die lübecker bürger weigerten sich - wie schon mal vor nunmehr 150 jahren - mehr als zweimal die woche lachs zu essen. die ersten elche kamen langsam von ostpreußen herübergewechselt, und die rehe waren so zahm geworden, daß sich jede familie eine kleine herde halten konnte, wenn sie es nicht vorzog, was im norden des landes möglich war, rentiere und elche zu ziehen. schon zeigten sich bär und luchs in den vorstädten von hamburg, und auf dem marktplatz von lübeck sagten sich "fuchs und hase gute nacht". während früher konzernherren der industrie in die karpaten fuhren, um bären und hirsche zum stückpreis von 10 000dm zu schießen, flossen jetzt die devisen von amerika und die petrodollar der Ölscheichs in unser land. insbesondere dei falkenbeiz, die ja immer einen guten nahmen gehabt hatte, war begehrt und falkner das berufsziel vieler jugendlicher.

die menschen ernährten sich von selbstgezogenem gemüse, selbstgezüchtetem obst selbstgemolkener milch, selbstgeschossenem wild und frisch gefangenem fisch. sie waren gesund, liebenswürdig, fröhlich und zufrieden. ihr leben war ausgefüllt von der jagd, vom feld- und gartenbau und vom sport, der quer durchs land, soweit die autobahnen reichten, in sommer und winter betrieben wurde.

die mode bevorzugte leder und wolle. die seidenraupenzucht, die bei maulbronn und im heilbronner raum erfolgreich verlaufen war, breitete sich aus. bundesdeutsche reine seide war ein begehrter exportartikel geworden.

da das leben ohne automobil körperlich anstrengend, aber sehr gesund war, fiel der krankenstand. die krankenkassenbeiträge konnten jedes jahr um 10% gesenkt werden. schließlich - um sich nach parkinsons gesetzten am leben zu halten - setzten die krankenkassen prämien für mitglieder aus.

der beruf in natur und freiheit senkte die zahl der frührentner. das netz der sozialleistungen blieb erhalten, wurde aber kaum noch in anspruch genommen. der numerus clausus für medizin war nicht mehr notwendig. die facharztzusammensetzung hatte sich verschoben. wo früher 25 zahnärzte auf 30 000 einwohner kamen, fanden sich zwei, die auch nicht genügend ausgelastet waren. stoffwechselexperten, kardiologen, und geriatriker waren kaum mehr gefragt. auf den intensivstationen rosteten schläuche und apparate. die menschen starben zufrieden zu hause in ihren betten. dagegen hatten veterinärmediziner und sportärzte reichlich zu tun..

die religionsfreiheit war komplett. die toleranz war im grundgesetz verankert. der staat hatte in seiner indifferenten haltung übersehen, daß die unbewußte religiöse sehnsucht des menschen, wenn ihr keine richtung und kein ziel gesetzt sind, efeugleich auswuchert und den glauber der väter verdrängt und erstickt. der tanz um das goldene kalb, um das auto, war zu ende. andere kälber traten an seine stelle. neue götter erschienen. die jugend glaubte an asterix und obelix. der herr der ringe hatte eine sehr große gemeinde, und der sport in allen variationen beherrschte den geist. doch alle lebt glücklich und zufrieden.

der milan saß auf dem pfosten der einzäunung. er hielt den kopf schräg. es sah aus, als beobachtete er den verkehr. auf der autobahn wälzte sich stoßstange an stoßstange die blechlawine vorüber, unaufhaltsam.


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